Konferenz "Zeit-Zonen"
Schlusswort
von Dr. Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer
Internationale Zusammenarbeit, Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR
Die Teilnehmer dieser Konferenz haben
sich auf sehr grundsätzliche Weise mit einem Thema mit vielen Facetten
auseinandergesetzt und dafür heute auch mal innegehalten. Dies passt sehr
gut in die Fastenzeit. Die Konferenz hat gezeigt, aus wie
unterschiedlichen Blickwinkeln das Thema betrachtet werden kann. Zur
Veranschaulichung möchte ich Sie an die Geschichte von Nosrat Peseschkian
von dem Elefanten, der in einem dunklen Zelt ausgestellt wird, erinnern.
Die Menschen können ihn nicht sehen, sondern nur ertasten. Und je nachdem,
welchen Teil des Elefanten sie berührten, ob Rüssel oder Stoßzahn oder
Rumpf, hatten sie sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem Tier und
beschrieben es entsprechend. Ebenso maßgebend ist es, von welcher
Perspektive aus auf das Thema Zeit geblickt wird.
Warum ist die Zeit überhaupt ein Thema für uns? Es ist
wichtig für die EZ, sich der kulturellen Relativität von Zeitwahrnehmungen
bewusst zu sein. Der Umgang mit der Zeit ist außerdem eine Machtfrage, und
die Entwicklungszusammenarbeit ist immer auch mit Fragen der Macht
konfrontiert. Warten lassen zum Beispiel kann auch Ausdruck sein von
Gegenwehr gegen den Druck von Außen verstanden werden, als passiver
Widerstand. In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen
Zeitvorstellungen können wir unseren systemischen Blick schulen, anstatt
uns einer linearen und monokausalen Betrachtung hinzugeben.
Wir müssen die spirituelle Bedeutung von Wert- und
Zeitvorstellungen erfassen. Wir müssen die ökonomische Rationalität von
Langsamkeit erspüren, die auf den ersten Blick nicht erschließbar ist und
zum Beispiel in der Gegenwartspräferenz in unsicheren Zeiten ihren
Ausdruck finden kann. Wir müssen lernen, Zeit als etwas Positives und als
Chance zu begreifen, gegen den Trend der Gegenwart, den Trend zum immer
eiligeren Gewerbe. Es ist notwendig, dass man langfristig, beharrlich und
kontinuierlich an Projekten arbeitet und sich gegen den Druck zu einem
»Immer-Schneller« stemmt. Die Entwicklungszusammenarbeit darf nicht zu
einem Event oder einer Inszenierung verkommen. Auch wir selbst dürfen
zudem keine unrealistischen Erwartungen erzeugen: ein
»just-in-time«-Liefern ist in der EZ nicht möglich.
Daraus folgt, dass sich die Akteure der EZ für eine bewusste
Langsamkeit einsetzen müssen, für Pausen, Partnerorientierung und Vertrauen
in die Menschen vor Ort. Eine zu starke externe Intervention muss vermieden
werden. Es gibt viele unterschiedliche Wirklichkeitsebenen in der
interkulturellen Kommunikation – in den ersten zwei, drei Jahren der
Zusammenarbeit erschließt sich nur die oberste. Auch hier ist ein Mehr an
Zeit erforderlich.
Zum Abschluss plädiere ich für mehr Ehrlichkeit in der
Entwicklungszusammenarbeit, die es erfordert, dass man gemeinsam mit dem
Partner auch Krisen durchsteht. Erforderlich ist mehr Achtsamkeit im
Umgang mit der Zeit – vor allem mit der Zeit des Anderen – und damit auch
im Umgang mit uns selbst.
Die hier wiedergegebene Fassung basiert auf dem
Protokoll der Veranstaltung.
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